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Das ist ein weiterer Eintrag

Veröffentlicht am Freitag 23 März 2007 21:43:05 von erkan

Endlich ein männliches Element

Von Thomas Winkler

Das französische Popduo Air kehrt mit seinem neuen Album zu sphärischen Anfängen zurück. Allein die gesanglichen Gastauftritte einiger reifer Herren sorgen für Timbre und Tiefe. So wird aus dem leisen Seufzen endlich Melancholie.



Manchmal fällt Nikolas Godin dem eigenen Terror zum Opfer. Vor allem, wenn er seine Garderobe erneuern will. "Ich gehe in den Laden und es läuft Air", erzählt er, "das ist so peinlich." Wäre Godin nicht offensichtlich ein Mann, der nicht nur gut gekleidet ist, sondern auch in jeder Situation die Fassung behält, würde er sich wohl schütteln vor Abscheu. Aber das tut er nicht. Er lächelt lieber, blickt in die Runde und verkündet: "Passiert mir ständig. Unsere Musik läuft offensichtlich gut in Boutiquen."

Auch "Pocket Symphony", das neue Album von Air, dürfte vermutlich wieder viele Verkäuferinnen verzücken und potenzielle Kunden betören. Aber will man das genauer wissen, sollte man nicht unbedingt Godin fragen. Denn der hört sich seine eigene Musik niemals an. "Das kann ich nicht ertragen", sagt er über die eigenen Ergüsse, "das ist Horror für mich". Wundervoll, ätherisch, luftig, so wurde die Musik von Godin und seinem Partner Jean Benoit Dunckel schon charakterisiert. Oder auch: Verschmust, kitschig, langweilig, bisweilen vielleicht auch öde. Aber: "Der Horror"? Das war bisher noch nicht im Repertoire.

Während er das sagt, lächelt Godin sehr milde durch seinen roten Vollbart, aber die freundliche Nachsicht scheint weniger ihm selbst als vielmehr uns, den Journalisten, zu gelten. Doch wer die günstige Gelegenheit nutzen will und ein "Aber warum denn das!?" hinterher schiebt, erntet nur einen Blick zwischen Mitleid und Unverständnis. Ein Schulterzucken schließt das Thema höflich, aber sehr bestimmt ab. Dann lächelt Godin wieder unverbindlich: Nächste Frage bitte.

Godin, eigentlich Mathematik-Lehrer, und der studierte Architekt Dunckel kennen sich seit ihrer Schulzeit, also seit mehr als zwanzig Jahren. Die beiden gelten in der Branche nicht umsonst als legendär langweilige Interviewpartner. Ihre Musik dagegen löst oft Begeisterung aus, nicht nur bei Verkäuferinnen. Eine sehr reservierte Begeisterung allerdings: Fans der elegischen Melodien und butterweichen Arrangements von Air neigen nicht zur Hysterie, eher schon zum verträumten Wegnicken.

Denn Air fanden stets mit seelenruhiger Zielsicherheit den gemeinsamen Nenner zwischen Fahrstuhlmusik und Tanzbodenästhetik, Gefühlsduseligkeit und Zurückhaltung. Dabei übertrieben sie den Wohlklang derart, dass es schon wieder lächerlich gewesen wäre, ihnen Kitsch vorzuwerfen. Die beiden Franzosen schwebten nicht nur in anderen Sphären, sie erschufen sich gleich neue, eigene, aus Zuckerwatte und Plüschkissen. Hilfreich dabei waren stets auch Streicher-Arrangements: "Wenn man ein Orchester haben kann, sollte man auch ein Orchester nehmen", meint Godin, "die Menschen sollen unsere Platte kaufen, damit wir uns weiter ein Orchester leisten können."

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